Mittwoch, 16. Mai
2012 – La Paz
La Paz – wie soll man diese Stadt beschreiben? Das ist eine
schwierige Aufgabe, denn die Eindrücke überhäufen sich. Zwar ist es nicht die
offizielle Hauptstadt von Bolivien (das ist Sucre), aber es ist der
Regierungssitz und gleichzeitig der höchstgelegene Regierungssitz weltweit.
Eine wahnsinnige Stadt. Zusammen mit El Alto leben im Grossraum La Paz heute
rund 3 Millionen Einwohner, obwohl das niemand so genau weiss. Das wirklich
spannende an dieser Stadt ist seine Lage. Sie ist wie in einem Kessel eingebettet
und erstreckt sich über eine Höhe von 3‘200 Meter bis 4‘100 Meter über Meer. Im
Gegensatz zu unseren Breitengraden, wo nicht so wohlhabende Quartiere eher in
tieferen Lagen entstehen und höhere Lagen eher den Wohlhabenden vorbehalten
sind, ist es hier genau umgekehrt. An den Hängen und je weiter oben kann man
enorm günstig Land erwerben. Das Problem dabei ist, dass es zum einen dort oben
viel kälter und exponierter ist. Zum anderen hat man das Problem, dass während
der Regenzeit der Boden ziemlich stark aufgeweicht ist. Wenn man da also nicht
so baut, wie wir uns dies gewohnt sind, dann kann es sein, dass das ganze
Gebäude plötzlich wegrutscht. Und bittererweise ist dies das Risiko, dass viele
eingehen müssen… Diese Gegensätze werden umso bemerkenswerter, wenn man eine
Tour in die reicheren Viertel macht. Während oben die Häuser aus ein paar
Backsteinen und einem Wellblech bestehen, gibt es unten grandiose Villen,
Vertretungen von Audi, BMW und Mercedes und sonst noch allerhand Luxus. Der
Temperaturunterschied beträgt beachtliche 10 Grad zwischen den oberen und
unteren Stadtteilen. Gleichzeitig ist die enorme Polizeipräsenz ein klares
Indiz dafür, dass nicht alle Ihr Geld auf legalem Wege erarbeiten.
Damit wir einen möglichst guten Überblick über diese pulsierende
Metropole erhalten, gönnen wir uns heute eine Stadtrundfahrt. Zu unserem
grossen Glück haben wir einen ganzen Bus für uns alleine und geniessen das
entspannte Tuckern durch diese Stadt. Die Eindrücke könnten unterschiedlicher
nicht sein. Zum einen gibt es einen riesigen Schwarzmarkt (Mercado Negra), an
welchem viele gestohlene oder nachgemachte Produkte verkauft werden. Ein
Hexenmarkt fehlt auch nicht, wo man z.B. Mittelchen gegen einen Bösen Blick
kaufen kann… unglaublich. Etwas weiter ragen mittelhohe Wolkenkratzer in die
Höhe und man glaubt, man sei irgendwo im Big Apple – es heisst dann auch:
little New York. Der Verkehr ist die Hölle und die Abgase rauben einem schier
die Luft zum Atmen. Wir sind gleichzeitig schockiert, begeistert, angetan, vorsichtig,
neugierig… und irgendwie auch immer wieder froh, dass wir in unser ruhiges
Hotelzimmer zurück kommen können.
Spannend sind letztendlich auch die Bolivianischen Frauen.
Und zwar aus dem Grund, weil sie sich heute noch sehr traditionell kleiden,
obwohl dies die Männer schon lange nicht mehr machen. Sie sehen aus, wie
wandelnde Kleiderschränke, weil sie wohl so ziemlich alles am Leib tragen, was
sie an Kleidern besitzen. Ganz spannend ist die Kopfbedeckung, welche an einen
zu kleinen Melonenhut erinnert. Offensichtlich wurde der ursprünglich von einem
englischen Geschäftsmann hier eingeführt. Die Bolivianischen Männern fanden den
aber mehr als nur doof und trugen ihn nicht. Der findige Geschäftsmann änderte
seine Strategie und verkündete, dass dies für die Frauen der letzte Schrei sei
in Europa und schwupps begannen die hiesigen Frauen den zu tragen. Diese
Tradition hat sich bis heute bewahrt. Man sagt, diejenigen, die ihn gerade auf
dem Kopf tragen, seien verheiratet, die die ihn schräg tragen, sind noch ledig.
Natürlich können wir es nicht lassen, den einen oder anderen bissigen Kommentar
fallen zu lassen, wenn wir so einen Textilberg mit schrägem, bzw. geraden Hut
sehen!
Donnerstag, 17. Mai
2012 – Entspannen, Schoppen, Retablieren
Heute wollen wir keine Bäume ausreissen und keine Berge
versetzen. Genüsslich schlafen wir aus und lassen uns erst durch die
Sonnenstrahlen wecken, die in unser Zimmer fallen. Nach dem Frühstück bringen
wir unsere Wäsche noch zur Reinigung und schlendern im Anschluss Hand in Hand
durch die verschiedenen Märkte. Dabei stellen wir fest, dass wir in den drei
Wochen, wo wir unterwegs sind, noch keinen einzigen Regentag hatten. Ganz im
Gegensatz zu der Heimat – da haben wir die Meldung erhalten, dass der Mai ein
ziemlicher launischer Monat zu sein scheint…
Wir unternehmen heute nicht mehr allzu viel und bereiten uns
auf die Weiterreise vor. Unser Flug nach Santa Cruz ist morgen bereits um 6.50
Uhr und darum müssen wir wohl oder übel sehr früh aufstehen. So aktualisieren
wir unseren Reisebericht, arbeiten etwas an unserem Fotobuch und hoffen, dass
wir vor einem leckeren Abendessen noch einen Pisco Sour finden werden…
Freitag, 18. Mai 2012
– von La Paz nach Samaipata
Einmal mehr klingelte der Wecker um 4.45 – aber irgendwie
waren wir heute froh darüber. Zum einen hatten wir etwas genug von der
Grossstadt und zum anderen war es der Aufbruch weg von den Touristenströmen… So
weckten wir sanft den Nachtportier und standen schon kurz danach an der
Hauptstrasse wo wir mit dem Taxi an den Flughafen fuhren. Der Inlandflug nach
Santa Cruz dauerte eine Stunde und verlief wunderbar, mit Ausnahme des
zweijährigen Kindes, welches hinter uns auf dem Schoss seiner Mutter sass und
sich einen Sport daraus mache, abwechslungsweise an unsere Sitze zu kicken. Zum
Glück ist mein Spanisch so miserabel, sonst hätte ich der Familie ganz klar
meine europäische Meinung posaunt. Aber schliesslich konnten wir eine Stunde so
auch aushalten und waren ruck zuck in Santa Cruz. Vom Flughafen ging’s mit dem
Taxi weiter… und eigentlich begann genau hier schon unser Abenteuer. Der
Taxifahrer – wir nennen ihn mal Pepe (in Anlehnung an eine andere Geschichte,
die mir mein Cousin mal erzählt hatte) – ein Koloss von über 200 Kilo, machte
den Anschein, als wäre sein Taxi um ihn herum gebaut worden. Sein Gewicht tat
aber dem südamerikanischen Temperament hinter dem Steuer keinen Abtrieb. Er
schoss mit seiner Karre über die Strasse, als wollte er zeigen, dass auch in
ihm ein kleiner Schumacher steckte. Gerade als wir um Sturzhelme und feuerfeste
Anzüge bitten wollten, stockte der Verkehr auf der dreispurigen Strasse. Zum
Glück dachten wir – doch wir hatten uns zu früh gefreut. Pepe fletschte die
Zähne, stemmte sein Fuss auf das Gaspedal und zirkelte seinen Wagen auf dem
„Pannenstreifen“ allen anderen vorbei… irgendwann begann es auch auf diesem zu
stocken und Pepe fluchte… wir waren froh. Neben dem „Pannenstreifen“ gab es
noch eine Grünschneise – im Golfsport würde man dem Rough sagen - welcher nun
von Pepe zielsicher angesteuert wurde. Somit wurden aus 3 in kurzer Zeit 5
Spuren und auf allen stockte es. Grund dafür war ein ziemlich schwerer Unfall
weitere vorne. Bis hierher konnten wir alles noch einigermassen nachvollziehen.
Aber aus lauter Frust darüber, dass es nicht weiter ging, begannen einige
Bolivianer auch die Gegenfahrban zu benutzen. Man könnte sagen: Geisterfahrer
mit Vorsatz, zu hunderten auf zwei Spuren. Diese „unfriendly Takeover“ von zwei
weiteren Spuren führte dann auf der Gegenfahrban zu Verwirrung und der ganze
Verkehr kam zum Erliegen. Nun, wir liessen uns nicht stressen und das
spanische, zähneknirschende Grummelfluchen von Pepe hatte irgendwie sogar noch
was witziges an sich. Irgendwann kamen wir bei der angepeilten Adresse an und
Pepe – man glaubte es kaum – erhob seinen mächtigen Körper aus dem Sitz, half
uns mit den Rucksäcken, drückte uns freundschaftlich und fuhr quietschend
davon.
Bereits hatten wir das nächste Taxi angeheuert, diesmal war
es ein Langstreckentaxi, welches uns in das rund 150 Kilometer entfernte
Samaipata bringen sollte. Und wir dachten noch, dass Pepe ein Rappazzo hinter
dem Steuer war, wurden jedoch unmittelbar eines besseren belehrt. Der Fahrer,
für den uns kein origineller Namen in den Sinn kam, überholte alles und jeden
und überall. Trotz teils sehr schwieriger Strassenbedingungen und vielen
Verkehrsberuhigungen schaffte er diese Strecke in unter zwei Stunden. Ein
Wunder, dass er nicht noch Rennhandschuhe trug. Endlich waren wir nun
angekommen, in Samaipata, dem Ausgangsort für Abenteuertouren in den Amboro
Nationalpark. Obwohl wir versierte Weltenbummler sind, passierte uns doch ein
kapitaler Fehler. In Samaipata gibt’s weder eine richtige Bank noch einen
Geldautomaten und niemand im Dorf akzeptiert Kreditkarten. Zudem waren wir langsam
etwas knapp bei Kasse und haben uns am Flughafen nicht darum bemüht, diesen
Umstand zu ändern. Mit etwas Glück fanden wir dann doch eine Art
Bank-Wechselstube-Wucherzins-Arrogantidioten-Posten, der uns mittels Visa, Pass
und 5 Unterschriften ein paar Bolivianos aushändigen wollte. Geschafft, der
erste Notstand war behoben.
Für die nächsten 3 Tage wollten wir in den Urwald abtauchen
und uns auf ein solches Abenteuer einlassen. Anbieter dazu gab es viele im Dorf
(die meisten jedoch nur für tägige Ausflüge für Weicheier) und nachdem wir den
richtigen ausgesucht und den Trip gebucht hatten, genossen wir noch ein
leckeres Abendessen bevor wir das Nötigste für diesen 3tägigen Trip einpackten.
Samstag, 19. Mai 2012
– Amboro Nationalpark, Tag 1
Ja, werden sich viele jetzt denken, wie kann man am Tag des
Champions League Finales an einen Trip in den Urwald denken. Kommt noch dazu,
dass es hier sogar eine recht nette Bar gab, die das Spiel bei reichlich Bier
auf Grossleinwand übertragen hätte… aber schliesslich ist man ja ein liebender
Ehemann und so darf und will man Opfer bringen.
Um 8.30 Uhr ging’s los und ein Driver brachte uns an den
Rand des Parks, wo wir uns mit unserem Guide trafen. Zu dem Driver gilt es auch
noch kurz ein paar Worte zu sagen. Ganz im Gegenteil zu den vorherigen Fahrern,
war er ein junger, schüchterner und unerfahrener Mann hinter dem Steuer.
Verbissen und verkrampft umklammerte er das Steuer und fand es schade, dass er
nur 2 Hände dazu hatte. Jedes Schaltmanöver brauchte seelische Vorbereitung und
war sowas von schlecht gewählt, dass die Karre jedes Mal einen kleinen Satz
machte. Den 4. Gang kannte er nur vom Hörensagen, selber ausprobiert hat er ihn
noch nie. Alles was schneller als 42 war, erzeugte bei ihm unmittelbaren
Angstschweiss und so kommen dir 80 Kilometer schlichtweg wie eine Ewigkeit vor.
Bevor man ihm an die Gurgel geht und ihn tüchtig durchschütteln wollte, bog er
links ab und war auf dem Hof von Pedro angekommen, dem Guide für unsere
nächsten 3 Tage.
Da wir uns sehr kurzfristig für so einen Trip entschlossen
haben, konnte leider kein Englisch- und / oder Deutschsprachiger Guide
aufgetrieben werden. Lediglich Pedro, der ausschliesslich Spanisch spricht. Wir
wussten dies im Vorfeld und haben uns dennoch – oder gerade deswegen – dafür
entschieden. Pedro, ein hageres Männlein Mitte Fünfzig, strahlte uns mit einem
zahnlosen Lächeln an und brabbelte irgendwas, was wir nicht verstanden. Unsere
Reisegruppe bestand also aus Pedro, der Urwald-Trekking-Maus Tamara, dem
Contador Andy, zwei Gäulen und einem Hund. Auf geht’s. Wir freuten uns sehr auf
die bevorstehenden Tage. Die Pferde wurden mit dem Material beladen (Essen,
Zelt, Schlafsäcke, etc.) und wir setzten uns in Bewegung.
Im Gegensatz zu La Paz liegt der Amboro Nationalpark deutlich
tiefer, auf rund 1‘000 Meter über Meer. Das subtropische Klima spürt man
bereits bei den ersten Metern die man geht, es öffnen sich alle Poren und der
Schweiss bahnt sich seinen Weg in die Kleidung und tropft von der Stirn. Pedro,
ausgerüstet mit Sandalen, marschierte stramm vorne weg, wir hächelten
hinterher. Auf den ersten Kilometern kamen und noch ein paar Einheimische
entgegen. Interessanterweise hatten die alle Flinten dabei, grosskalibrige
Gewehre. Auf unsere Frage, wieso dies so sei, meinte Pedro nur nüchtern: Puma!
Aha…. Und was haben wir dabei? Ein Hund!
Leider wussten wir nicht, dass unser Weg rund 28x durch den
Fluss führte. Die ersten beiden Male machten wir uns noch die Mühe, Schuhe und
Socken auszuziehen und sie im Anschluss wieder anzulegen. Dass dies keine
Lösung auf Dauer sein konnte, wurde uns schnell bewusst, die Reaktion darauf
war aber ganz unterschiedlich. Der charmante Pedro offerierte meiner
Göttergattin den Rücken eines Gauls, worauf sie fortan sanft durch den Urwald
glitt. Ich hingegen resignierte komplett und stampfte mit den Schuhen durchs
Wasser und Dickicht, schwitzend und ausrutschend im lehmigen Boden. Unsere
Karawane kam mir in etwa so vor: Vorneweg der Fährtenleser Pedro, der als
einziges wusste, wohin wir gingen… dann ein Lastentier, welches einen Teil des
Equipments trug. Danach das Prunkstück von unserem Zuge, das stolze graue Ross
mit meiner Ehefrau darauf und hinterherhächelnd noch der Hofnarr, der mit
seiner orangen Mütze in der Tat etwas von einer Witzfigur hatte. Ab und an
drehte sich meine Ehefrau zu mir um und teilte mir mit, dass ihr Ross an dieser
und jener Stelle etwas eingesunken sei, dort habe es wohl eine sumpfige Stelle.
Ihr Kopf drehte sich aber viel zu schnell wieder nach vorne, als dass sie
bemerkt hätte, dass ich schon bis zur Hälfte meines Oberschenkels im Schlamm
steckte. Zähneknirschend dachte ich an eine Revolution, an einen Aufstand des
Proletariats und an George Orwell, liess es dann aber stecken und sumpfte
weiter.
Diese Darstellung entspricht zwar der Wahrheit, jedoch nicht
der ganzen Wahrheit. Wer Tamara kennt, der weiss, wie sportlich und ehrgeizig
sie ist und dass sie ganz und gar keine Sonderbehandlung wünscht. Sie ist hart
im Nehmen und sich nicht zu schade, auch selbst dreckig zu werden. Insofern
konnte sie den Ritt hoch zu Ross auch nicht sonderlich geniessen – doch mit dem
wimmernden Hofnarren hintendran hatte sie zumindest ein super Bild davon, was
sie verpasste.
Nach 4 langen Stunden durch den Fluss und den Urwald waren
wir endlich an unserem Ziel angekommen. Es war die Bretterhütte von Pedro,
mitten im Amboro Nationalpark. Wir rodeten einen Teil der Wiese nebenan und
stellten unser Zelt auf, während Pedro sich bemühte, ein Feuer zu machen. Die
Konversation mit ihm war in der Tat etwas schwer, denn sein Spanisch waren ein
paar Laute, die zwischen dem Coca-Blätter-Klumpen in seinem Mund an die
Oberfläche kamen und irgendwie so gar
nichts gemein hatten mit dem, was wir im Unterricht gelernt hatten. Egal,
dachten wir uns, und stopften auch uns ein paar Coca-Blätter in den Mund und
kauten wie die Wahnsinnigen. Und irgendwann klappte es dann auch mit der
Kommunikation, wenn auch nonverbal. Er
erzählte uns von all den Tieren, die es hier gibt und allen voran dem Puma, der
in der Tat sehr gefährlich werden kann. Zudem hatte er uns auf dem Weg zu
unserem Ziel etliche Spuren gezeigt, die er mit dem Prädikat „Puma“ versehen
hatte. Aber genau aus diesem Grund haben wir Lobo dabei, den Hund den er
mitgenommen hatte. Das sei mit Abstand die beste Alarmanlage. Okay, dachten wir
uns, ein Bärentöter-Gewehr wäre uns wohl lieber gewesen, aber Lobo ist auch in
Ordnung. Der Tag neigte sich langsam dem Ende zu und Pedro kredenzte uns ein
einfaches aber vorzügliches Abendessen, alles auf dem Feuer gekocht, einfach
wunderbar. Zum Dessert packte er eine ganze Ansammlung verschiedener Drogen
aus, welche er uns anbot. Während ich ins Bett ging, feierte Tämi mit ihm eine
abartige Party, die bis in die Morgenstunden dauerte…. Quatsch, natürlich
nicht. Sichtlich enttäuscht, dass wir hier nicht mitzogen, wartete er darauf,
bis wir früh zu Bett gingen und vergnügte sich im Anschluss mit sich selbst.
Mitten in der Nacht wurden wir aus dem Schlaf gerissen, als
sich Lobo die Lunge aus dem Leib bellte. Irgendwo, ein Stück weit entfernt,
hatte er etwas lokalisiert, was so furchterregend sein musste, dass er nicht
mehr aufhören konnte zu Bellen. Sofort dachten wir an einen Puma, und ich
stellte mir noch die Frage, ob der Puma wohl den Anstand hätte und allenfalls
mit seinem Angriff warten könnte, bis ich mein Schweizer Taschenmesser
aufgeklappt hatte. Doch irgendwann verstummte das Gebelle und ohne zu wissen,
wer jetzt wen wo und wie erledigt hatte, schliefen wir beide wieder ein.
Sonntag, 20. Mai 2012
– Amboro Nationalpark, Tag 2
Eigentlich war es ja genau das, was wir wollten. Auf unserem
bisherigen Trip in diesem Nationalpark hatten wir keine Menschenseele gesehen,
waren mit unserem Guide völlig alleine und hatten weder Strom, noch Warmwasser,
noch ein Bett oder sonstige Annehmlichkeiten. Es war wirklich ein
Abenteuertrip, wie er im Bilderbuch stand.
So abenteuerlich das alles sein mag, am Morgen schmerzte der
Rücken und selbst die beste aller Tamaras beschwerte sich über die Mückenstiche
am Hinterteil bedingt durch den Pure-Nature-Toilettengang vom Vorabend. Nun
denn, wir wollten es ja so….Pedro, wohl immer noch aufgedonnert von der
Egoparty vom Vorabend, war natürlich schon lange auf, hatte sein Frühstück
schon gehabt und das Feuer neu entfacht. Unser Frühstück war wiederum herrlich,
Sandwiches und Rührei, sagenhaft. Wir spachtelten und genossen es in vollen
Zügen. Natürlich wollten wir noch
wissen, ob wir denn in der Nacht um Haaresbreite einem Pumaangriff entgangen
sind, schliesslich konnte Lobo kaum aufhören zu bellen. Doch Pedro lächelte nur
und sagte irgendwas von Coca Blättern und alles nicht so schlimm… ah ja, dann
ist ja gut. Manchmal fragten wir uns in der Tat, was für eine Sprache er
sprach….egal… An diesem Tag machten wir einen Ausflug ausgehend von unserem
Camp, wo wir im Anschluss auch wieder zurückkehren würden. Es war eine
6stündige Wanderung (ohne Flussüberquerung), die uns viel abverlangt hatte. Die
Natur war atemberaubend üppig, viele wunderschöne Schmetterlinge, grosse und
kleine. Pedro machte uns immer wieder auf Tiere, Pflanzen oder anderes
aufmerksam und stapfte mit der Machete in der Hand voran und bahnte für uns den
Weg. Um die Mittagszeit machten wir Halt
auf einem Felsvorsprung, genossen die Aussicht, die Ruhe und allem voran, dass
unser Sichtfeld nicht links und rechts von anderen Touristen begrenzt wurde.
Dieser Moment war die ganze Anstrengung wert.
Pedro hatte hinter seiner Hütte einen „kleinen Gaten“, in
welchem er Mandarinen, Limetten, Papayas, Zitrusfrüchte und Grapefruits hatte.
Eine wahres Paradies. Nebst dem, dass wir uns dort nach Herzenslust bedienen
durften, nahm er auch auf unseren Ausflug einen Sack voll Früchte mit, die nach
dieser Anstrengung noch viel, viel besser schmeckten.
Wieder zurück in unserem Camp waren wir ziemlich auf den
Felgen. Es war die Anstrengungen des Tages aber auch des Vortages (wo einige
mehr machten mussten als andere), und natürlich der Umstand, dass wir nicht
besonders gut und tief geschlafen hatten. Langsam aber sicher machte sich auch
ein gewisser Missmut bemerkbar, da natürlich auch die Hygiene etwas leidet. Bei
dieser Feuchtigkeit schwitzt man wie ein gestochenes Schwein, mit Duschen und
so ist aber nix. So klebrig man also ins Bett geht, so klebrig steht man auch
wieder auf und schwitzt aufs Neue. Die Mücken übrigens, die stört das überhaupt
nicht – im Gegenteil, die finden das ganz offensichtlich ziemlich chic!
Nachdem wiederum sehr leckeren Abendessen gingen wir auch
schon bald schlafen. Schliesslich wollten wir dem Pedro auch noch etwas Ruhe
(und Party) gönnen, zum anderen waren wir einfach auch etwas am Ende unserer
Kräfte. Blöd nur, dass es gegen den Abend angefangen hat zu regnen. Und zwar richtig. Wir waren noch nicht
eingeschlafen, da bemerkten wir, dass unser Zelt alles andere als dicht war. Es
bildete sich ein kleiner Bach, der sich zwischen unseren Schlafsäcken in
Richtung unserer Füsse bewegte und unweigerlich das ganze Innenleben
durchnässte. Genau hier beginnt man sich dann langsam zu fragen, aus welchem
Grund genau man diesen ganzem Mist eigentlich macht. Danach bemerkt man den
ersten Tropfen, der einem direkt auf die Nase fällt und sich auf einmal ganz
sicher, dass dies nix mehr mit Ferien zu tun hat. Der vollgesogene Schlafsack
überzeugt dann diese Erkenntnis und bevor man zur ganz grossen Revolution im
Urwald aufbricht ist man sodermassen müde und erschöpft, dass man einschläft.
Ein weisser, flauschiger und wohlriechender Bademantel umgab
meinen unglaublichen Adoniskörper. Auf dem Bademantel stand auf der linken
Brust „Hotel Ritz Carlton“ und ich lag auf dem viel zu grossen, mit Satin
bezogenen Bett, daneben meine traumhafte Ehefrau. Filigran wählte ich die
Nummer des Zimmerservice, orderte ein paar Clubsandwiches und eine Flasche
Malbec – pero pronto! Und als mir langsam das Wasser im Mund zusammen lief,
schlug ich die Augen auf und erkannte das Morgengrauen, welches langsam durch
die durchnässten Zeltwände schimmerte! Zum einen hochenttäuscht, dass dies
alles nur ein Traum war, zum anderen hocherfreut, dass diese schlimme Nacht
endlich vorbei war!
Montag, 21. Mai 2012
– Amboro Nationalpark, 3. Tag
Unser Zelt, nass! Unser Gepäck, nass! Wir, nass! Die
Stimmung leider nicht feuchtfröhlich! Und dennoch, wir haben es ja so gewollt,
und das Coca-Blätter-Lächeln von Pedro brachte die gute Laune schon zu früher
Morgenstunde zurück. Nach dem herzhaften und liebevollen Frühstück, packten wir
unsere sieben Sachen zusammen und demontierten das tropfende Zelt. Etwas
unfair, dass es genau jetzt aufhörte zu regnen, aber egal… vor uns stand nun
der beschwerliche Rückmarsch mit seinen unzähligen Flussdurchquerungen. Sobald
der Himmel aufriss, wurde es brütend heiss und jeder Schritt brauchte
Überwindung. Pedro, beflügelt wohl noch von der Überdosis vom Vorabend oder
aber schon von der Morgenration, ging ab wie ein Wiesel mit seinen beiden
Gäulen und immer wieder musste er auf uns warten. Diesmal gab sich Tämeli die
Blösse nicht mehr und verneinte die wiederholten Aufforderungen, sie solle nun
endlich auf den Gaul klettern. Wir änderten die Taktik, sehr zur Freude von
allen Moskitos und den einheimischen Zecken! Und zwar zogen wir von Beginn weg
keine Socken an und zogen jeweils vor der Flussüberquerung die Schuhe aus und
nach der Überquerung die Dinger auch wieder an. Okay, natürlich blieben sie
nicht ganz trocken, aber sie wurden auch nicht ganz so nass wie bei mir zwei
Tage zuvor. Die Waden wurden wohl mit Repellent einmassiert, doch durch das
viele Wasser verlor es bald die Wirkung. So labten sich, wie erwähnt, sämtliche
heimischen Insekten an den leckeren, bleichen Schweizer Gebeinen und wir
fühlten uns dadurch wie eine Mischung aus Indiana Jones und Tarzan!
Irgendwann am Nachmittag erreichten wir, durchgeschwitzt und
kraftlos, die Hütte von Pedro. Haben wir erwähnt, dass er 8 Kinder hat? Und 10
Grosskinder? Dazu gesellen sich auf seinem Areal gut und gerne 6 Hunde, 4
Katzen, 12 Hühner und ebenso viele Gänse. Nach diesen Strapazen und weil wir
trotz allem recht flink voran gekommen sind, werden wir bei ihm Zuhause noch zu
einem lecker Essen eingeladen. Es gibt frische Limonade und eine reichhaltige
Suppe. Einfach herrlich. Gerade bei unserer Ankunft in seinem Hause, hat er dem
Fahrer angerufen, der uns wieder abholen sollte. Aber da wir genau wissen, wie
der fährt und wie weit die Strecke ist, machen wir es uns gemütlich, denn dies
kann dauern! Und ja, es dauert auch…
… grob zwei Stunden später taucht er tatsächlich am Horizont
auf, unser Fahrer. Zwar wird er noch von einem Lastwagen überholt und – wir
vermuten – ebenfalls von einem Maultier, aber schlussendlich biegt er in
unserer Strasse ein und wir sind doch sehr froh, dass die Zivilisation uns
wieder hat! Die Rückfahrt nach Samaipata kommt uns noch viel länger vor als die
Hinfahrt und ich bin wirklich wahnsinnig geneigt, den Jüngling vom Steuer zu
verdrängen und ihm mal zu zeigen, welches der genaue Sinn der Pedale ist, die
er da unten hat und wozu das Teil eigentlich verschiedene Gänge hat. Meine
Ehefrau, in ihrer schier endlosen Beherrschtheit, beruhigt mich wieder, obwohl
mich der Typ an den Rand einer Eskalation bringt. Wieder in Samaipata
angekommen, möchten wir am liebsten noch den Bus besteigen und Richtung Sucre
im südlichen Bolivien aufbrechen. Dies ist jedoch nicht möglich, da der Bus
bereits ausgebucht ist. Okay, denken wir uns, dann nehmen wir uns hier ein
schönes Hotel wo wir uns für die Strapazen der vergangenen Tage etwas ausruhen
und entschädigen können… und tatsächlich, nach einer kleinen Suche finden wir
das absolut reizende Hotel La Posada del Sol. Für knapp über 20 Stutz erhalten
wir hier ein reizendes Doppelzimmer, mit eigenem Bad, toller Aussicht,
Warmwasser, einem sauberen Bett und sauberen Badetüchern. In aller Ruhe
geniessen wir eine ausgiebige Dusche, pflegen uns von Kopf bis Fuss und fühlen
uns wie neu geboren. Das Hotel hat auch ein kleines Restaurant, wo wir uns noch
ein kleines Abendessen gönnen wollen. Bei einem Glas Wein (oder auch zwei),
lassen wir die Ereignisse der letzten Tage revuepassieren und amüsieren uns
enorm über das Erlebte.
Obwohl es nicht das Ritz Carlton ist, geniessen wir das
weiche, saubere, schneeweisse Bett und schlafen genüsslich ein!
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