Mittwoch, 23. Mai 2012


Mittwoch, 16. Mai 2012 – La Paz

La Paz – wie soll man diese Stadt beschreiben? Das ist eine schwierige Aufgabe, denn die Eindrücke überhäufen sich. Zwar ist es nicht die offizielle Hauptstadt von Bolivien (das ist Sucre), aber es ist der Regierungssitz und gleichzeitig der höchstgelegene Regierungssitz weltweit. Eine wahnsinnige Stadt. Zusammen mit El Alto leben im Grossraum La Paz heute rund 3 Millionen Einwohner, obwohl das niemand so genau weiss. Das wirklich spannende an dieser Stadt ist seine Lage. Sie ist wie in einem Kessel eingebettet und erstreckt sich über eine Höhe von 3‘200 Meter bis 4‘100 Meter über Meer. Im Gegensatz zu unseren Breitengraden, wo nicht so wohlhabende Quartiere eher in tieferen Lagen entstehen und höhere Lagen eher den Wohlhabenden vorbehalten sind, ist es hier genau umgekehrt. An den Hängen und je weiter oben kann man enorm günstig Land erwerben. Das Problem dabei ist, dass es zum einen dort oben viel kälter und exponierter ist. Zum anderen hat man das Problem, dass während der Regenzeit der Boden ziemlich stark aufgeweicht ist. Wenn man da also nicht so baut, wie wir uns dies gewohnt sind, dann kann es sein, dass das ganze Gebäude plötzlich wegrutscht. Und bittererweise ist dies das Risiko, dass viele eingehen müssen… Diese Gegensätze werden umso bemerkenswerter, wenn man eine Tour in die reicheren Viertel macht. Während oben die Häuser aus ein paar Backsteinen und einem Wellblech bestehen, gibt es unten grandiose Villen, Vertretungen von Audi, BMW und Mercedes und sonst noch allerhand Luxus. Der Temperaturunterschied beträgt beachtliche 10 Grad zwischen den oberen und unteren Stadtteilen. Gleichzeitig ist die enorme Polizeipräsenz ein klares Indiz dafür, dass nicht alle Ihr Geld auf legalem Wege erarbeiten.
Damit wir einen möglichst guten Überblick über diese pulsierende Metropole erhalten, gönnen wir uns heute eine Stadtrundfahrt. Zu unserem grossen Glück haben wir einen ganzen Bus für uns alleine und geniessen das entspannte Tuckern durch diese Stadt. Die Eindrücke könnten unterschiedlicher nicht sein. Zum einen gibt es einen riesigen Schwarzmarkt (Mercado Negra), an welchem viele gestohlene oder nachgemachte Produkte verkauft werden. Ein Hexenmarkt fehlt auch nicht, wo man z.B. Mittelchen gegen einen Bösen Blick kaufen kann… unglaublich. Etwas weiter ragen mittelhohe Wolkenkratzer in die Höhe und man glaubt, man sei irgendwo im Big Apple – es heisst dann auch: little New York. Der Verkehr ist die Hölle und die Abgase rauben einem schier die Luft zum Atmen. Wir sind gleichzeitig schockiert, begeistert, angetan, vorsichtig, neugierig… und irgendwie auch immer wieder froh, dass wir in unser ruhiges Hotelzimmer zurück kommen können.
Spannend sind letztendlich auch die Bolivianischen Frauen. Und zwar aus dem Grund, weil sie sich heute noch sehr traditionell kleiden, obwohl dies die Männer schon lange nicht mehr machen. Sie sehen aus, wie wandelnde Kleiderschränke, weil sie wohl so ziemlich alles am Leib tragen, was sie an Kleidern besitzen. Ganz spannend ist die Kopfbedeckung, welche an einen zu kleinen Melonenhut erinnert. Offensichtlich wurde der ursprünglich von einem englischen Geschäftsmann hier eingeführt. Die Bolivianischen Männern fanden den aber mehr als nur doof und trugen ihn nicht. Der findige Geschäftsmann änderte seine Strategie und verkündete, dass dies für die Frauen der letzte Schrei sei in Europa und schwupps begannen die hiesigen Frauen den zu tragen. Diese Tradition hat sich bis heute bewahrt. Man sagt, diejenigen, die ihn gerade auf dem Kopf tragen, seien verheiratet, die die ihn schräg tragen, sind noch ledig. Natürlich können wir es nicht lassen, den einen oder anderen bissigen Kommentar fallen zu lassen, wenn wir so einen Textilberg mit schrägem, bzw. geraden Hut sehen! 

Donnerstag, 17. Mai 2012 – Entspannen, Schoppen, Retablieren

Heute wollen wir keine Bäume ausreissen und keine Berge versetzen. Genüsslich schlafen wir aus und lassen uns erst durch die Sonnenstrahlen wecken, die in unser Zimmer fallen. Nach dem Frühstück bringen wir unsere Wäsche noch zur Reinigung und schlendern im Anschluss Hand in Hand durch die verschiedenen Märkte. Dabei stellen wir fest, dass wir in den drei Wochen, wo wir unterwegs sind, noch keinen einzigen Regentag hatten. Ganz im Gegensatz zu der Heimat – da haben wir die Meldung erhalten, dass der Mai ein ziemlicher launischer Monat zu sein scheint…
Wir unternehmen heute nicht mehr allzu viel und bereiten uns auf die Weiterreise vor. Unser Flug nach Santa Cruz ist morgen bereits um 6.50 Uhr und darum müssen wir wohl oder übel sehr früh aufstehen. So aktualisieren wir unseren Reisebericht, arbeiten etwas an unserem Fotobuch und hoffen, dass wir vor einem leckeren Abendessen noch einen Pisco Sour finden werden… 

Freitag, 18. Mai 2012 – von La Paz nach Samaipata

Einmal mehr klingelte der Wecker um 4.45 – aber irgendwie waren wir heute froh darüber. Zum einen hatten wir etwas genug von der Grossstadt und zum anderen war es der Aufbruch weg von den Touristenströmen… So weckten wir sanft den Nachtportier und standen schon kurz danach an der Hauptstrasse wo wir mit dem Taxi an den Flughafen fuhren. Der Inlandflug nach Santa Cruz dauerte eine Stunde und verlief wunderbar, mit Ausnahme des zweijährigen Kindes, welches hinter uns auf dem Schoss seiner Mutter sass und sich einen Sport daraus mache, abwechslungsweise an unsere Sitze zu kicken. Zum Glück ist mein Spanisch so miserabel, sonst hätte ich der Familie ganz klar meine europäische Meinung posaunt. Aber schliesslich konnten wir eine Stunde so auch aushalten und waren ruck zuck in Santa Cruz. Vom Flughafen ging’s mit dem Taxi weiter… und eigentlich begann genau hier schon unser Abenteuer. Der Taxifahrer – wir nennen ihn mal Pepe (in Anlehnung an eine andere Geschichte, die mir mein Cousin mal erzählt hatte) – ein Koloss von über 200 Kilo, machte den Anschein, als wäre sein Taxi um ihn herum gebaut worden. Sein Gewicht tat aber dem südamerikanischen Temperament hinter dem Steuer keinen Abtrieb. Er schoss mit seiner Karre über die Strasse, als wollte er zeigen, dass auch in ihm ein kleiner Schumacher steckte. Gerade als wir um Sturzhelme und feuerfeste Anzüge bitten wollten, stockte der Verkehr auf der dreispurigen Strasse. Zum Glück dachten wir – doch wir hatten uns zu früh gefreut. Pepe fletschte die Zähne, stemmte sein Fuss auf das Gaspedal und zirkelte seinen Wagen auf dem „Pannenstreifen“ allen anderen vorbei… irgendwann begann es auch auf diesem zu stocken und Pepe fluchte… wir waren froh. Neben dem „Pannenstreifen“ gab es noch eine Grünschneise – im Golfsport würde man dem Rough sagen - welcher nun von Pepe zielsicher angesteuert wurde. Somit wurden aus 3 in kurzer Zeit 5 Spuren und auf allen stockte es. Grund dafür war ein ziemlich schwerer Unfall weitere vorne. Bis hierher konnten wir alles noch einigermassen nachvollziehen. Aber aus lauter Frust darüber, dass es nicht weiter ging, begannen einige Bolivianer auch die Gegenfahrban zu benutzen. Man könnte sagen: Geisterfahrer mit Vorsatz, zu hunderten auf zwei Spuren. Diese „unfriendly Takeover“ von zwei weiteren Spuren führte dann auf der Gegenfahrban zu Verwirrung und der ganze Verkehr kam zum Erliegen. Nun, wir liessen uns nicht stressen und das spanische, zähneknirschende Grummelfluchen von Pepe hatte irgendwie sogar noch was witziges an sich. Irgendwann kamen wir bei der angepeilten Adresse an und Pepe – man glaubte es kaum – erhob seinen mächtigen Körper aus dem Sitz, half uns mit den Rucksäcken, drückte uns freundschaftlich und fuhr quietschend davon.   
Bereits hatten wir das nächste Taxi angeheuert, diesmal war es ein Langstreckentaxi, welches uns in das rund 150 Kilometer entfernte Samaipata bringen sollte. Und wir dachten noch, dass Pepe ein Rappazzo hinter dem Steuer war, wurden jedoch unmittelbar eines besseren belehrt. Der Fahrer, für den uns kein origineller Namen in den Sinn kam, überholte alles und jeden und überall. Trotz teils sehr schwieriger Strassenbedingungen und vielen Verkehrsberuhigungen schaffte er diese Strecke in unter zwei Stunden. Ein Wunder, dass er nicht noch Rennhandschuhe trug. Endlich waren wir nun angekommen, in Samaipata, dem Ausgangsort für Abenteuertouren in den Amboro Nationalpark. Obwohl wir versierte Weltenbummler sind, passierte uns doch ein kapitaler Fehler. In Samaipata gibt’s weder eine richtige Bank noch einen Geldautomaten und niemand im Dorf akzeptiert Kreditkarten. Zudem waren wir langsam etwas knapp bei Kasse und haben uns am Flughafen nicht darum bemüht, diesen Umstand zu ändern. Mit etwas Glück fanden wir dann doch eine Art Bank-Wechselstube-Wucherzins-Arrogantidioten-Posten, der uns mittels Visa, Pass und 5 Unterschriften ein paar Bolivianos aushändigen wollte. Geschafft, der erste Notstand war behoben.
Für die nächsten 3 Tage wollten wir in den Urwald abtauchen und uns auf ein solches Abenteuer einlassen. Anbieter dazu gab es viele im Dorf (die meisten jedoch nur für tägige Ausflüge für Weicheier) und nachdem wir den richtigen ausgesucht und den Trip gebucht hatten, genossen wir noch ein leckeres Abendessen bevor wir das Nötigste für diesen 3tägigen Trip einpackten.

Samstag, 19. Mai 2012 – Amboro Nationalpark, Tag 1

Ja, werden sich viele jetzt denken, wie kann man am Tag des Champions League Finales an einen Trip in den Urwald denken. Kommt noch dazu, dass es hier sogar eine recht nette Bar gab, die das Spiel bei reichlich Bier auf Grossleinwand übertragen hätte… aber schliesslich ist man ja ein liebender Ehemann und so darf und will man Opfer bringen.
Um 8.30 Uhr ging’s los und ein Driver brachte uns an den Rand des Parks, wo wir uns mit unserem Guide trafen. Zu dem Driver gilt es auch noch kurz ein paar Worte zu sagen. Ganz im Gegenteil zu den vorherigen Fahrern, war er ein junger, schüchterner und unerfahrener Mann hinter dem Steuer. Verbissen und verkrampft umklammerte er das Steuer und fand es schade, dass er nur 2 Hände dazu hatte. Jedes Schaltmanöver brauchte seelische Vorbereitung und war sowas von schlecht gewählt, dass die Karre jedes Mal einen kleinen Satz machte. Den 4. Gang kannte er nur vom Hörensagen, selber ausprobiert hat er ihn noch nie. Alles was schneller als 42 war, erzeugte bei ihm unmittelbaren Angstschweiss und so kommen dir 80 Kilometer schlichtweg wie eine Ewigkeit vor. Bevor man ihm an die Gurgel geht und ihn tüchtig durchschütteln wollte, bog er links ab und war auf dem Hof von Pedro angekommen, dem Guide für unsere nächsten 3 Tage.
Da wir uns sehr kurzfristig für so einen Trip entschlossen haben, konnte leider kein Englisch- und / oder Deutschsprachiger Guide aufgetrieben werden. Lediglich Pedro, der ausschliesslich Spanisch spricht. Wir wussten dies im Vorfeld und haben uns dennoch – oder gerade deswegen – dafür entschieden. Pedro, ein hageres Männlein Mitte Fünfzig, strahlte uns mit einem zahnlosen Lächeln an und brabbelte irgendwas, was wir nicht verstanden. Unsere Reisegruppe bestand also aus Pedro, der Urwald-Trekking-Maus Tamara, dem Contador Andy, zwei Gäulen und einem Hund. Auf geht’s. Wir freuten uns sehr auf die bevorstehenden Tage. Die Pferde wurden mit dem Material beladen (Essen, Zelt, Schlafsäcke, etc.) und wir setzten uns in Bewegung.
Im Gegensatz zu La Paz liegt der Amboro Nationalpark deutlich tiefer, auf rund 1‘000 Meter über Meer. Das subtropische Klima spürt man bereits bei den ersten Metern die man geht, es öffnen sich alle Poren und der Schweiss bahnt sich seinen Weg in die Kleidung und tropft von der Stirn. Pedro, ausgerüstet mit Sandalen, marschierte stramm vorne weg, wir hächelten hinterher. Auf den ersten Kilometern kamen und noch ein paar Einheimische entgegen. Interessanterweise hatten die alle Flinten dabei, grosskalibrige Gewehre. Auf unsere Frage, wieso dies so sei, meinte Pedro nur nüchtern: Puma! Aha…. Und was haben wir dabei? Ein Hund!
Leider wussten wir nicht, dass unser Weg rund 28x durch den Fluss führte. Die ersten beiden Male machten wir uns noch die Mühe, Schuhe und Socken auszuziehen und sie im Anschluss wieder anzulegen. Dass dies keine Lösung auf Dauer sein konnte, wurde uns schnell bewusst, die Reaktion darauf war aber ganz unterschiedlich. Der charmante Pedro offerierte meiner Göttergattin den Rücken eines Gauls, worauf sie fortan sanft durch den Urwald glitt. Ich hingegen resignierte komplett und stampfte mit den Schuhen durchs Wasser und Dickicht, schwitzend und ausrutschend im lehmigen Boden. Unsere Karawane kam mir in etwa so vor: Vorneweg der Fährtenleser Pedro, der als einziges wusste, wohin wir gingen… dann ein Lastentier, welches einen Teil des Equipments trug. Danach das Prunkstück von unserem Zuge, das stolze graue Ross mit meiner Ehefrau darauf und hinterherhächelnd noch der Hofnarr, der mit seiner orangen Mütze in der Tat etwas von einer Witzfigur hatte. Ab und an drehte sich meine Ehefrau zu mir um und teilte mir mit, dass ihr Ross an dieser und jener Stelle etwas eingesunken sei, dort habe es wohl eine sumpfige Stelle. Ihr Kopf drehte sich aber viel zu schnell wieder nach vorne, als dass sie bemerkt hätte, dass ich schon bis zur Hälfte meines Oberschenkels im Schlamm steckte. Zähneknirschend dachte ich an eine Revolution, an einen Aufstand des Proletariats und an George Orwell, liess es dann aber stecken und sumpfte weiter.
Diese Darstellung entspricht zwar der Wahrheit, jedoch nicht der ganzen Wahrheit. Wer Tamara kennt, der weiss, wie sportlich und ehrgeizig sie ist und dass sie ganz und gar keine Sonderbehandlung wünscht. Sie ist hart im Nehmen und sich nicht zu schade, auch selbst dreckig zu werden. Insofern konnte sie den Ritt hoch zu Ross auch nicht sonderlich geniessen – doch mit dem wimmernden Hofnarren hintendran hatte sie zumindest ein super Bild davon, was sie verpasste.
Nach 4 langen Stunden durch den Fluss und den Urwald waren wir endlich an unserem Ziel angekommen. Es war die Bretterhütte von Pedro, mitten im Amboro Nationalpark. Wir rodeten einen Teil der Wiese nebenan und stellten unser Zelt auf, während Pedro sich bemühte, ein Feuer zu machen. Die Konversation mit ihm war in der Tat etwas schwer, denn sein Spanisch waren ein paar Laute, die zwischen dem Coca-Blätter-Klumpen in seinem Mund an die Oberfläche kamen  und irgendwie so gar nichts gemein hatten mit dem, was wir im Unterricht gelernt hatten. Egal, dachten wir uns, und stopften auch uns ein paar Coca-Blätter in den Mund und kauten wie die Wahnsinnigen. Und irgendwann klappte es dann auch mit der Kommunikation, wenn auch nonverbal.  Er erzählte uns von all den Tieren, die es hier gibt und allen voran dem Puma, der in der Tat sehr gefährlich werden kann. Zudem hatte er uns auf dem Weg zu unserem Ziel etliche Spuren gezeigt, die er mit dem Prädikat „Puma“ versehen hatte. Aber genau aus diesem Grund haben wir Lobo dabei, den Hund den er mitgenommen hatte. Das sei mit Abstand die beste Alarmanlage. Okay, dachten wir uns, ein Bärentöter-Gewehr wäre uns wohl lieber gewesen, aber Lobo ist auch in Ordnung. Der Tag neigte sich langsam dem Ende zu und Pedro kredenzte uns ein einfaches aber vorzügliches Abendessen, alles auf dem Feuer gekocht, einfach wunderbar. Zum Dessert packte er eine ganze Ansammlung verschiedener Drogen aus, welche er uns anbot. Während ich ins Bett ging, feierte Tämi mit ihm eine abartige Party, die bis in die Morgenstunden dauerte…. Quatsch, natürlich nicht. Sichtlich enttäuscht, dass wir hier nicht mitzogen, wartete er darauf, bis wir früh zu Bett gingen und vergnügte sich im Anschluss mit sich selbst.
Mitten in der Nacht wurden wir aus dem Schlaf gerissen, als sich Lobo die Lunge aus dem Leib bellte. Irgendwo, ein Stück weit entfernt, hatte er etwas lokalisiert, was so furchterregend sein musste, dass er nicht mehr aufhören konnte zu Bellen. Sofort dachten wir an einen Puma, und ich stellte mir noch die Frage, ob der Puma wohl den Anstand hätte und allenfalls mit seinem Angriff warten könnte, bis ich mein Schweizer Taschenmesser aufgeklappt hatte. Doch irgendwann verstummte das Gebelle und ohne zu wissen, wer jetzt wen wo und wie erledigt hatte, schliefen wir beide wieder ein. 

Sonntag, 20. Mai 2012 – Amboro Nationalpark, Tag 2

Eigentlich war es ja genau das, was wir wollten. Auf unserem bisherigen Trip in diesem Nationalpark hatten wir keine Menschenseele gesehen, waren mit unserem Guide völlig alleine und hatten weder Strom, noch Warmwasser, noch ein Bett oder sonstige Annehmlichkeiten. Es war wirklich ein Abenteuertrip, wie er im Bilderbuch stand.
So abenteuerlich das alles sein mag, am Morgen schmerzte der Rücken und selbst die beste aller Tamaras beschwerte sich über die Mückenstiche am Hinterteil bedingt durch den Pure-Nature-Toilettengang vom Vorabend. Nun denn, wir wollten es ja so….Pedro, wohl immer noch aufgedonnert von der Egoparty vom Vorabend, war natürlich schon lange auf, hatte sein Frühstück schon gehabt und das Feuer neu entfacht. Unser Frühstück war wiederum herrlich, Sandwiches und Rührei, sagenhaft. Wir spachtelten und genossen es in vollen Zügen.  Natürlich wollten wir noch wissen, ob wir denn in der Nacht um Haaresbreite einem Pumaangriff entgangen sind, schliesslich konnte Lobo kaum aufhören zu bellen. Doch Pedro lächelte nur und sagte irgendwas von Coca Blättern und alles nicht so schlimm… ah ja, dann ist ja gut. Manchmal fragten wir uns in der Tat, was für eine Sprache er sprach….egal… An diesem Tag machten wir einen Ausflug ausgehend von unserem Camp, wo wir im Anschluss auch wieder zurückkehren würden. Es war eine 6stündige Wanderung (ohne Flussüberquerung), die uns viel abverlangt hatte. Die Natur war atemberaubend üppig, viele wunderschöne Schmetterlinge, grosse und kleine. Pedro machte uns immer wieder auf Tiere, Pflanzen oder anderes aufmerksam und stapfte mit der Machete in der Hand voran und bahnte für uns den Weg.  Um die Mittagszeit machten wir Halt auf einem Felsvorsprung, genossen die Aussicht, die Ruhe und allem voran, dass unser Sichtfeld nicht links und rechts von anderen Touristen begrenzt wurde. Dieser Moment war die ganze Anstrengung wert.
Pedro hatte hinter seiner Hütte einen „kleinen Gaten“, in welchem er Mandarinen, Limetten, Papayas, Zitrusfrüchte und Grapefruits hatte. Eine wahres Paradies. Nebst dem, dass wir uns dort nach Herzenslust bedienen durften, nahm er auch auf unseren Ausflug einen Sack voll Früchte mit, die nach dieser Anstrengung noch viel, viel besser schmeckten.
Wieder zurück in unserem Camp waren wir ziemlich auf den Felgen. Es war die Anstrengungen des Tages aber auch des Vortages (wo einige mehr machten mussten als andere), und natürlich der Umstand, dass wir nicht besonders gut und tief geschlafen hatten. Langsam aber sicher machte sich auch ein gewisser Missmut bemerkbar, da natürlich auch die Hygiene etwas leidet. Bei dieser Feuchtigkeit schwitzt man wie ein gestochenes Schwein, mit Duschen und so ist aber nix. So klebrig man also ins Bett geht, so klebrig steht man auch wieder auf und schwitzt aufs Neue. Die Mücken übrigens, die stört das überhaupt nicht – im Gegenteil, die finden das ganz offensichtlich ziemlich chic!
Nachdem wiederum sehr leckeren Abendessen gingen wir auch schon bald schlafen. Schliesslich wollten wir dem Pedro auch noch etwas Ruhe (und Party) gönnen, zum anderen waren wir einfach auch etwas am Ende unserer Kräfte. Blöd nur, dass es gegen den Abend angefangen hat zu regnen. Und  zwar richtig. Wir waren noch nicht eingeschlafen, da bemerkten wir, dass unser Zelt alles andere als dicht war. Es bildete sich ein kleiner Bach, der sich zwischen unseren Schlafsäcken in Richtung unserer Füsse bewegte und unweigerlich das ganze Innenleben durchnässte. Genau hier beginnt man sich dann langsam zu fragen, aus welchem Grund genau man diesen ganzem Mist eigentlich macht. Danach bemerkt man den ersten Tropfen, der einem direkt auf die Nase fällt und sich auf einmal ganz sicher, dass dies nix mehr mit Ferien zu tun hat. Der vollgesogene Schlafsack überzeugt dann diese Erkenntnis und bevor man zur ganz grossen Revolution im Urwald aufbricht ist man sodermassen müde und erschöpft, dass man einschläft.
Ein weisser, flauschiger und wohlriechender Bademantel umgab meinen unglaublichen Adoniskörper. Auf dem Bademantel stand auf der linken Brust „Hotel Ritz Carlton“ und ich lag auf dem viel zu grossen, mit Satin bezogenen Bett, daneben meine traumhafte Ehefrau. Filigran wählte ich die Nummer des Zimmerservice, orderte ein paar Clubsandwiches und eine Flasche Malbec – pero pronto! Und als mir langsam das Wasser im Mund zusammen lief, schlug ich die Augen auf und erkannte das Morgengrauen, welches langsam durch die durchnässten Zeltwände schimmerte! Zum einen hochenttäuscht, dass dies alles nur ein Traum war, zum anderen hocherfreut, dass diese schlimme Nacht endlich vorbei war! 

Montag, 21. Mai 2012 – Amboro Nationalpark, 3. Tag 

Unser Zelt, nass! Unser Gepäck, nass! Wir, nass! Die Stimmung leider nicht feuchtfröhlich! Und dennoch, wir haben es ja so gewollt, und das Coca-Blätter-Lächeln von Pedro brachte die gute Laune schon zu früher Morgenstunde zurück. Nach dem herzhaften und liebevollen Frühstück, packten wir unsere sieben Sachen zusammen und demontierten das tropfende Zelt. Etwas unfair, dass es genau jetzt aufhörte zu regnen, aber egal… vor uns stand nun der beschwerliche Rückmarsch mit seinen unzähligen Flussdurchquerungen. Sobald der Himmel aufriss, wurde es brütend heiss und jeder Schritt brauchte Überwindung. Pedro, beflügelt wohl noch von der Überdosis vom Vorabend oder aber schon von der Morgenration, ging ab wie ein Wiesel mit seinen beiden Gäulen und immer wieder musste er auf uns warten. Diesmal gab sich Tämeli die Blösse nicht mehr und verneinte die wiederholten Aufforderungen, sie solle nun endlich auf den Gaul klettern. Wir änderten die Taktik, sehr zur Freude von allen Moskitos und den einheimischen Zecken! Und zwar zogen wir von Beginn weg keine Socken an und zogen jeweils vor der Flussüberquerung die Schuhe aus und nach der Überquerung die Dinger auch wieder an. Okay, natürlich blieben sie nicht ganz trocken, aber sie wurden auch nicht ganz so nass wie bei mir zwei Tage zuvor. Die Waden wurden wohl mit Repellent einmassiert, doch durch das viele Wasser verlor es bald die Wirkung. So labten sich, wie erwähnt, sämtliche heimischen Insekten an den leckeren, bleichen Schweizer Gebeinen und wir fühlten uns dadurch wie eine Mischung aus Indiana Jones und Tarzan!
Irgendwann am Nachmittag erreichten wir, durchgeschwitzt und kraftlos, die Hütte von Pedro. Haben wir erwähnt, dass er 8 Kinder hat? Und 10 Grosskinder? Dazu gesellen sich auf seinem Areal gut und gerne 6 Hunde, 4 Katzen, 12 Hühner und ebenso viele Gänse. Nach diesen Strapazen und weil wir trotz allem recht flink voran gekommen sind, werden wir bei ihm Zuhause noch zu einem lecker Essen eingeladen. Es gibt frische Limonade und eine reichhaltige Suppe. Einfach herrlich. Gerade bei unserer Ankunft in seinem Hause, hat er dem Fahrer angerufen, der uns wieder abholen sollte. Aber da wir genau wissen, wie der fährt und wie weit die Strecke ist, machen wir es uns gemütlich, denn dies kann dauern! Und ja, es dauert auch…
… grob zwei Stunden später taucht er tatsächlich am Horizont auf, unser Fahrer. Zwar wird er noch von einem Lastwagen überholt und – wir vermuten – ebenfalls von einem Maultier, aber schlussendlich biegt er in unserer Strasse ein und wir sind doch sehr froh, dass die Zivilisation uns wieder hat! Die Rückfahrt nach Samaipata kommt uns noch viel länger vor als die Hinfahrt und ich bin wirklich wahnsinnig geneigt, den Jüngling vom Steuer zu verdrängen und ihm mal zu zeigen, welches der genaue Sinn der Pedale ist, die er da unten hat und wozu das Teil eigentlich verschiedene Gänge hat. Meine Ehefrau, in ihrer schier endlosen Beherrschtheit, beruhigt mich wieder, obwohl mich der Typ an den Rand einer Eskalation bringt. Wieder in Samaipata angekommen, möchten wir am liebsten noch den Bus besteigen und Richtung Sucre im südlichen Bolivien aufbrechen. Dies ist jedoch nicht möglich, da der Bus bereits ausgebucht ist. Okay, denken wir uns, dann nehmen wir uns hier ein schönes Hotel wo wir uns für die Strapazen der vergangenen Tage etwas ausruhen und entschädigen können… und tatsächlich, nach einer kleinen Suche finden wir das absolut reizende Hotel La Posada del Sol. Für knapp über 20 Stutz erhalten wir hier ein reizendes Doppelzimmer, mit eigenem Bad, toller Aussicht, Warmwasser, einem sauberen Bett und sauberen Badetüchern. In aller Ruhe geniessen wir eine ausgiebige Dusche, pflegen uns von Kopf bis Fuss und fühlen uns wie neu geboren. Das Hotel hat auch ein kleines Restaurant, wo wir uns noch ein kleines Abendessen gönnen wollen. Bei einem Glas Wein (oder auch zwei), lassen wir die Ereignisse der letzten Tage revuepassieren und amüsieren uns enorm über das Erlebte.
Obwohl es nicht das Ritz Carlton ist, geniessen wir das weiche, saubere, schneeweisse Bett und schlafen genüsslich ein!

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